Der Regenbogen …..

Regenbogen als Hoffnungsscharnier – Biebertaler Himmelsblicke

„Alles wird gut“ rufen uns die selbstgemalten Regenbögen in den Fenstern zu – „Alles wird gut – TROTZDEM“. Trotzdem, dass wir Angst haben vor einer Infektion mit dem Corona-Virus, trotzdem, dass wir zu Hause bleiben und warten müssen, trotzdem, dass viele an Einsamkeit leiden – trotzdem, dass wir uns nach Normalität sehnen.

Wahrheit ist nicht nur ein Wort

Was kaum zu glauben, noch weniger zu erfassen und nur noch zu hoffen ist, bergen Biebertaler Kinder wie Erwachsene in das Symbol des Regenbogens – und tun damit etwas, was Menschen seit jeher gemacht haben: Sie suchen eine wahrnehmbare Gestalt, etwas Sinnenhaftes für etwas verborgen Innerliches oder unsichtbar Hintergründiges. Sie sprechen eine Sprache, die über die klare Logik, objektive Informationen und begrenzende Definitionen hinausgeht – nämlich eine religiöse Sprache.

Die Sprache, in der wir ausdrücken, was uns etwas bedeutet, was verborgen und fast unaussprechlich ist: Ein Mensch besteht aus Wasserstoff (60,3%), Sauerstoff (25,5%), aus Metallen und Nichtmetallen sowie Spurenelementen – aber was er denjenigen, die ihn lieben, bedeutet, lässt sich in keiner Faktensprache ausdrücken. Dazu braucht er Gesten (z.B. Blumen), Berührungen, Sprachbilder, Geschichten, u.v.m.  

Und die Ahnung wurde zum Regenbogen

Für die derzeitigen Erfahrungen eines Trotzdems, eines „Sowohl“ an Angst sowie eines „Als auch“ an Vertrauen in ein Weitergehen hätte kaum ein trefflicheres Symbol gefunden werden können als das des spannungsvollen Regenbogens: das Kind von Licht und Wasser, von Regen und Sonnenschein, die Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen Zeit und Ewigkeit. Ein flüchtiges Wunder, das im Grauen (nur) kurz aufleuchtet und hell macht. Eine Augenblicksoffenbarung des Lichtes Inneren in all seinen Farben. Ein kurzes Staunen, das lange anhält. Ein Kriegsbogen – aber ohne Sehne, ein ursprüngliches Wortzeichen der Gewalt, das zum Friedenszeichen gewandelt friedlich am Himmel hängt, vom Himmel herabkommt.   

Die Biebertaler Kinder teilen mit uns ihre Hoffnung, indem sie uns an eine Zukunft erinnern, die sozusagen „am Himmel ist“ und „vom Himmel kommt“. Der Regenbogen am Fenster schlägt hier nicht nur eine Brücke von Mensch zu Mensch, sondern er kündet eben auch von der Einsicht, dass es für das Wohl der Menschen hier auf Erden nicht genügt, Erkenntnisse aus Wissenschaft und Technik politisch umzusetzen. In der kollektiven Warteschleife, in der die Welt gerade in allen Bereichen festhängt, erfahren wir diese Grenzen menschlichen Denkens und Handelns besonders schmerzlich. Bis in den alltäglichsten Lebensvollzug hinein empfinden wir die Abhängigkeit von den Kräften, die das All, den Kosmos geschaffen haben und die Schöpfung bewahren. Der Blick in den Himmel, das Staunen über einen Regenbogen in der Weite des Himmels lässt aber nicht nur unsere Demut wachsen, sondern eben auch unser Vertrauen in die Ordnung der Dinge und deren Zukunft (vgl. Psalm 104).

Der Regenbogen als Hoffnungsgedächtnis

Dieses Vertrauen wird gleichermaßen durch einen Brückenschlag zur Vergangenheit genährt, indem man einander an symbolisch verdichtete Hoffnungsgeschichten erinnert. Der Regenbogen ist damit auch ein Scharnier zwischen der Hoffnung und Zuversicht der Generationen, zwischen allen Zeiten. Während Germanen die Brückenfunktion zwischen Göttern und Menschen betonen, gilt Juden und Christen der Bogen als Zeichen für den Lebenswillen Gottes und seiner Zusage zu den Menschen nach der Sintflut  (https://biebertal.mach-mit.tv/kultur/: „Regenbogen“).

Wie andere Symbole wird das Bedeutungsspektrum des Regenbogens immer wieder neu in seine Zeit gefasst, erfährt neue Interpretationen. Die regenbogenfarbene Pace-Fahne wurde 2002 nach einem Aufruf („Pace da tutti i balconi!“) eines italienischen Ordensmannes, Alex Zantonelli, zum globalen Friedenszeichen. Und auch als Erkennungszeichen für das Gewolltsein der Vielfalt von geschlechtlicher Identität wird der Regenbogen von der Homo-, Bi- und Trans-Szene in Anspruch genommen. Eine Interpretationsoffenheit, die nicht alle aushalten können und Kindern in der Türkei verbietet, Regenbögen als Hoffnungsschimmer gegen Corona zu malen (Mumay, B., Adatepe, S. [Übers.], Art. „Regenbogen sind verboten!“, FAZ Nr. 85, 9.4.20, S.14).  

Symbole – sie leben aber von ihrer Deutungsoffenheit, sie leben davon, dass immer wieder über sie nachgedacht, sie immer wieder neu zum Sprechen gebracht und mit der Jetzt-Zeit verbunden werden. Wird in ihnen nicht Glauben, Denken und die eigene Erfahrung verdichtet, können sie sehr gefährlich werden: nicht nur in Verbindung mit Uniformen, Fahnen und Marschmusik, sondern auch verheißungsvollen Versprechungen in der Werbung.  

Der Bogen von Weihnachten bis heute  

Eine ganz besondere Symbolverknüpfung ergab sich für Matthias Leib am ersten Weihnachtsfeiertag 2019: vom Himmel hoch da kam er her, spannte sich über den Dünsberg und verwies direkt auf den „Fellingshäuser Krippenweg“ (Foto, siehe oben – sowie zusammen mit der dazu gehörigen Geschichte auch unter: https://dorfzeitung.biebertaler-bilderbogen.de im Januar 2020). Gott wird an Weihnachten nicht nur Mensch, einer von uns, und zieht dort ein, wo die Not am größten ist – sondern der Regenbogen verweist auf viel mehr: mit der Geburt Jesu werden wir alle mit hingenommen in jene große Hoffnungsgeschichte des Alten Bundes. Gott will hier bei den Menschen sein, die keinen haben, der ihnen beisteht – und zeigt uns mit Jesus gleichermaßen, wie wir als Menschen eigentlich gemeint sind.

Im Sehen und Bedenken dieses von Zeit zu Zeit aufleuchtenden Bogens über uns können wir die so unendlich größere Welt und Wahrheit erahnen. Und dass der Himmel es letzten Endes gut mit uns meint, dass wir mehr sind, als das, was wir sehen, sagen und tun – wer wollte das bezweifeln nach allem, was uns Kinder und Erwachsene von Anfang an bis heute bezeugen?  

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