Predigt Heiligabend 2020: „Zum Anbeten“

Liebe Gemeinde,

es ist eine Weihnachtsgeschichte ganz eigener Art. Sie spielt 2010 in Kolumbien. Ein Land, das leider nicht nur für guten Kaffee steht, sondern auch für Drogen, Armut, Kidnapping, Korruption und Gewalt. Ein zerrissenes Land voller Schmerz, Schuld und Leid. Ein Land ohne Frieden. Seit über 50 Jahren Bürgerkrieg. Die Menschen kennen gar nichts anderes mehr. Über 5 Millionen Menschen vertrieben, entführt, verschleppt, über 200.000 Tote. Jedes Jahr treibt die Hoffnungslosigkeit tausende junge Leute in die Guerillaarmee FARC. Alle Versuche sie herauszurufen, sie für Heimkehr und Frieden zu gewinnen, scheiterten regelmäßig. Ohne Erfolg.

Doch dann kam „Operation Christmas“. Eine verrückte Idee. Leute suchten im Urwald an den Verbindungspfaden der Guerilla besonders herausragende Bäume aus, 25-30m hoch. Schmückten diese über und über mit Weihnachtslichtern. Und: mit einem Bewegungsmelder versehen. Immer wenn nun ein Guerilleros vorbeikam, erstrahlte der Baum im hellsten Licht. Und ein Schild war zu lesen, mit nur einem Satz:

„If Christmas can come to the Jungle, you can come home.“ „Wenn Weihnachten in den Dschungel kommen kann, dann kannst du heimkommen.“ Für 331 Guerilleros war das der Start in ein neues Leben. Sie legten die Waffen nieder. Sie kehrten zu ihren Familien zurück. Was bisher unmöglich schien. Weihnachten ist alles möglich. Wenn Weihnachten es in den Dschungel schafft, schaffst du ein neues Leben. Du darfst umkehren. Du darfst nach Hause kommen. Du kannst endlich ankommen. Es beginnt eine neue Zeitrechnung.

Davon handelt Weihnachten: Wenn Gott nicht im Himmel bleibt, sondern diese Erde besucht, kann alles anders werden. Wenn Gott auf Erden ankommt, kannst du endlich ankommen.

Die Bibel berichtet uns von diesem Mondlandungsmoment der Menschheitsgeschichte, besser von diesem Erdlandungsprojekt Gottes. Ein kleiner Schritt für Gott, ein großer Schritt für die Menschheit. Jedenfalls haben seitdem ganze viele Menschen Schritte zu Gott gemacht, sind endlich bei ihm angekommen, sind endlich mit ihrem Leben nach Hause gekommen.

In Matthäus 2,1 heißt es: „Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Magier aus dem Osten nach Jerusalem und sprachen: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern im Aufgehen gesehen und sind gekommen ihn anzubeten.“

Da hat es Weihnachten in den Dschungel geschafft. Da hat der Weihnachtsbaum plötzlich aufgeleuchtet. Da haben sich Menschen auf den Weg gemacht anzukommen.

Dieser Halbssatz „Als Jesus geboren war in Bethlehem“ verändert alles, taucht die Welt in ein neues Licht, setzt Menschen in Bewegung, ja, lässt die Erde ab diesem Tag neu rechnen. Stunde Null. Zeitenwende. Zeitenwende, die angefangen bei den Magiern aus dem Osten damals bis auf den heutigen Tag zu immer neuen Lebenswenden führt, so das heute 2,2 Milliarden Menschen Christen sind. So wie es auch bei „Operation Christmas“ nicht bei den 331 Heimgekehrten blieb. Viele Aktionen in Kolumbien folgten. Geschenke mit Weihnachtslichtern, die man die Flüsse mit der Botschaft herabschickte: „Kommt heim, es ist Weihnachten!“ Mit der Folge: Tausende Guerilleros, die sich anschickten nach Hause zu kommen. Frieden schien möglich. Und Weihnachten 2016 war in Kolumbien tatsächlich Frieden. Wo Menschen sich auf den Weg zum Kind nach Bethlehem machen, zieht Frieden ein, kommen Menschen endlich zu Hause an. Das Gute: Weihnachten kann die Geschichte von uns allen sein, denn Weihnachten kommt zu jedem.

Was bewegte die Magier sich auf den Weg zu machen? Was zog sie magisch an?

An der Geschichte der Magier bewegt mich, dass sie sich für ihre Hoffnung auf einen langen Weg machen. Wahrscheinlich hielten nicht wenige sie für verrückt, als sie aufbrachen. Ähnlich verrückt wie Guerilleros, die wegen einem Weihnachtsbaum die Waffen strecken. Mein Respekt gehört diesen Männern. Sie haben sich auf den Weg gemacht. Nicht jeder macht das.

Dabei muss man wissen, wer die Magier waren. Was sich heute nach Zauberei und Zirkus anhört, war damals die Bildungselite ihrer Zeit. Magier waren hochangesehene Wissenschaftler, die z.B. damals schon Planetenbahnen berechnen konnten. Sie waren Sterndeuter, Astronomen, zugegeben zugleich Astrologen. Das verschwamm ineinander. Etwas anrüchige Leute in den Augen der Juden, mit Horoskopen hatte man es nicht, jedenfalls kluge Köpfe von denen die Bibel dort berichtet. 

Die Magier sind für mich aufrichtige Wahrheitssucher mit Horizont. Ihre Welt erschöpft sich nicht in ihrer Welt der Sterne und der Wissenschaft. Sie wissen, dahinter steht noch etwas Größeres, Gott, eine Welt, die nicht durch Zahlen zugänglich ist, sondern eine Welt, die nur dadurch erzählbar wird, dass Gott sich von sich aus offenbart, sich zeigt, einen Hinweis gibt, einen Stern aufscheinen lässt, der die Magier aufhorchen und auf dem Weg machen lässt.

Lasst es mich modern sagen: Die Magier wissen, was heute wissenschaftlicher Konsens ist, aber noch nicht überall angekommen ist : Weder kann man Gott wissenschaftlich beweisen, noch kann die Wissenschaft die Fragen beantworten, von deren Beantwortung wir alle leben: Wer bin ich? Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Wozu um alles in der Welt lebe ich? Wo finde ich Erfüllung? Wo bin ich zu Hause? Wen bete ich an?

Die Magier nun – und das fordert mein Respekt – halten diese offenen Fragen in ihrem Leben offen. Sie überspielen sie nicht mit Rausch, mit Konsum, mit Aktionismus. Sie verdrängen sie nicht. Im Gegenteil: Sie lassen sie an ihr Herz. Da ist keine Arroganz nach dem Motto: Was wir nicht begreifen, das Unbegreifliche, kann es nicht geben. Sie wissen, wo ihre Grenze ist. Sie wissen um ihre Begrenztheit. Sie wissen, dass die Welt mehr ist. Lasst es mich mit James Bond sagen: „Die Welt ist nicht genug“.  Und so halten sie ihre offenen Fragen offen.

Die Magier halten vor allem die Sehnsucht ihres Herzens wach. Als Menschen von Fleisch und Blut spüren wir das ja: Da gibt es Dinge, die im Hier und Jetzt nicht ihre Antwort finden, die über die Grenzen hinaus wollen, die nach Ewigkeit rufen. Unsere Welt wäre z.B. nicht so wie sie ist, wenn Menschen im Herzen nicht etwas Bleibendes schaffen wollten. Ja, das Erste, was Anthropologen von Menschen kennen, sind ihre Begräbnisse und die Überzeugung, dass am Grab nicht alles zu Ende geht. Liebe schreit nach Ewigkeit. Und in den Herzen der Magier ist dieser Schrei wach. Sie sind nicht an den Punkt gekommen, ihre Sehnsucht zu begraben. Im Gegenteil: Sie suchen in ihr die Antwort auf die offenen Fragen des Lebens. Sie geben ihre Sehnsucht nicht auf. Sie haben sie bewahrt.

Die Bibel beschreibt diese Menschheitssehnsucht mit alten Worten. Die Magier suchen Anbetung. Sie wissen: Das Geheimnis der Welt liegt in der Anbetung. Deshalb machen sie sich auf den Weg. Deshalb ist für sie kein Weg zu lang.  

Im Geist von Weihnachten kommt m.E. etwas von dieser Sehnsucht nach Anbetung zum Ausdruck. Etwas, auf das Menschen nicht verzichten möchten, auch nicht in Coronazeiten. Etwas, auf das Menschen auf Dauer nicht verzichten können. Etwas, das die Kraft hat Menschen aus dem Dschungel zu holen.

Wenn wir Weihnachten landläufig als Fest der Liebe und der Familie beschreiben, kommen wir dem Geheimnis ganz nah: Menschen möchten zu etwas gehören. Menschen möchten zu etwas Größerem gehören. Ja, selbst wenn es junge Menschen in den Dschungel treibt, um Guerillakämpfer zu werden, ist Verzweiflung nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht dieser Wunsch, für eine große Sache zu kämpfen, für etwas Größeres einzutreten. Dieser Wunsch nach Hingabe – nach Anbetung eben – lockt das Beste und das Schlechteste in dieser Welt hervor. Feststeht, wir alle ahnen, dass wir nicht für uns selbst geschaffen sind. Wir wollen uns an etwas verlieren. Wir wollen für etwas leben können. Ja, wir leiden manchmal daran, dass wir nicht ganz für etwas leben können, weil wir für nichts bereit wären zu sterben. Dieses Größere, nachdem alle Menschen suchen, ist das Geheimnis, dass diese Welt umschließt. Wir Christen nennen es Liebe. Wir finden sie in einem unbegreiflichen Gott. Unser Glück ist, ihn anzubeten.   

Diese Liebe tritt Weihnachten in unser Leben und erfüllt unsere tiefste Sehnsucht. Gott als Rahmen der Welt, tritt selbst ins Bild, in sie hinein, um dir zu begegnen. Das Größte wird ganz klein. Das Unbegreifliche begreifbar in einem Kind. Liebe berührt uns und wir sind zuhause … So wie für die Guerilleros der Geist der Weihnacht unwiderstehlich war, der Ruf von Liebe und Familie stärker als alle anderen Rufe dieser Welt. „Wenn Weihnachten in den Dschungel kommen kann, dann kannst du heimkommen.“ Wenn Gott zu dir kommt, kann alles anders werden.

Liebe Gemeinde, liebe Freunde und Gäste,

die Magier verdrängen nicht die offenen Fragen dieser Welt. Sie unterdrücken nicht die Sehnsucht ihres Herzen. Sie machen das einzig Richtige, um das Geheimnis zu erfahren, endlich im Leben anzukommen, endlich anzubeten. Sie machen sich auf den Weg. Respekt, wer sich auf die Reise macht.

Diese Reise ist aller Einsatz wert. Dein Leben ist es wert. Und du hast nur dieses eine. Corona hat es uns schrecklich neu bewusst gemacht. Weihnachten sagt dir: Du musst nicht im Dschungel deiner Sehnsucht verschmachten, nicht alleine fern von Zuhause sterben. Dafür bist du nicht geschaffen. Dein Zuhause ist Gott. Seine Anbetung dein Glück.

Doch, und das gehört zur Ehrlichkeit dazu, dieses Geheimnis lüftet man eben nur auf dem Weg. Man erfährt es nur im Vertrauen. Wie man Liebe nur im Vertrauen erfährt.

Auch das zeigt uns die biblische Weihnachtsgeschichte klar: Es besteht die Gefahr, das Kind in der Krippe zu verpassen. Wohlgemerkt für Fromme wie Nichtfromme. Gott lässt den Weihnachtsbaum vor dir aufleuchten, und du merkst es nicht. Gott lässt einen Stern dir erscheinen, du aber sagst wie König Herordes und die Schriftgelehrten: Heute nicht. Man kann das Kind verpassen, wenn man es vertagt. Das Geheimnis der Welt bleibt dem verschlossen, der nicht vertraut. Tragisch. Doch kann diese Geschichte uns Warnung sein.

Da wissen Schriftgelehrte, wo das Kind zu finden ist, doch sie belassen es beim Kopfkino, bei Richtigkeiten. Im schlimmsten Fall sind sie richtig stolz auf die eigene Erkenntnis und leben doch ihren alten Stiefel weiter, machen sich nicht auf den Weg.

Da sind Hohepriester, die geistlichen Führer des Volkes, die dafür sorgen sollten, dass alle sich zu diesem Kind auf den Weg machen. Aber sie halten nur den frommen Betrieb aufrecht. Sie kommen weder selbst dazu, das Kind anzubeten, noch anderen dahin zu führen.

Dieser Stolz auf die eigenen Richtigkeiten und dieses Gefangensein in Aktionismus und Betriebsamkeit sind natürlich keine Vorrechte für Fromme. Jeder kann davon betroffen sein. Doch ist der am meisten gefährdet, der sich schon am Ziele wähnt.  

Unter denen, die nicht beim Kind ankommen, nennt die Bibel nicht zuletzt König Herodes. Wie kann er auch ein Kind anbeten, ohne selbst vom Thron herabzusteigen? Letztlich scheitert auch unsere Anbetung häufig genau daran. Unser Ego will selbst Herr im Hause und im Leben bleiben. Und so dreht sich unser Leben um uns und unsere Leistungen. Wir ergötzen uns an uns selbst und am Ende bleibt Ekel. Im Kern ist das unsere Sünde: Selbst König sein zu wollen, immer Angst haben, vom Thron gestürzt zu werden, auf tragische Weise das Geheimnis des Lebens nie zu erfahren: Gott zu lieben, ihn zu anbeten.  

Ich weiß: Der Weg vom eigenen Thron ist nicht leicht. Auch der Weg der Rebellen in Kolumbien nach Hause war es nicht. Sie wussten: Wenn wir nach Hause kommen, tritt unser Irrtum zu Tage, kommt unsere Schuld ans Licht, sind wir konfrontiert mit Scham und Verzweiflung. Es ist nicht leicht. Leichter wurde es den Rebellen ums Herz, wenn sie Schilder wie diese lasen:  „Bevor du ein Soldat wurdest, warst du ein Kind, mein Sohn. Wir verurteilen dich nicht.“

Letztlich sind wir alle Rebellen gegen Gott. Wir wollen kleine Könige sein, fordern Anbetung ein und verzehren uns doch danach, selbst anbeten zu können, nach Hause zu kommen. Die gute Nachricht ist: Gott kommt auf die Welt als „Immanuel“. Auf Deutsch,  Als „Gott mit uns – nicht gegen uns. Auf seinem Schild steht ebenfalls: Ich verurteilt dich nicht. Ich rette dich aus deiner Sünde. Ich vergebe dir. Ich halte deine Sünde aus. Ich bin mit dir.

Ja, Gott macht sich auf den langen Weg in den Dschungel unserer Sünden, begibt sich in all unseren Morast von Not und Tot, von der Krippe bis zum Kreuz. Das ist seine Aktion Christmas.

Wir lesen Weihnachten nichts von Verurteilung. Wir lesen vom Glück der Überraschung, von Freude ohne Grenze, von der Lust, endlich Geschenke auspacken zu können und sich zu verschenken. Davon lesen wir: Liebe ohne Handbremse, ohne Rückversicherung, Ankommen ohne sich beweisen zu müssen. Wir lesen von Menschen, die endlich anbeten.

Die Magier kommen in dem Moment an, wo sie anbeten, Gott die Ehre geben. Ab dem Moment sprechen nicht mehr die Sterne zu ihnen, sondern Gott im Traum. Ab dem Moment ist Gott nicht mehr ein Traum, sondern mit ihnen. Ab dem Moment führt er sie einen neuen Weg, nicht ohne Gefahren, aber voller Freude. Wer Gott anbetet, kommt an.

Jochen Klepper hat in dunkler Zeit gedichtet: „Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und Schuld, doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld“ – der Stern der Anbetung. Das trifft es, trifft unsere Situation, wenn wir beim Kind von Bethlehem angekommen sind.

Keiner von uns weiß, was vor uns liegt. Aber Weihnachten lädt dich ein, dich auf den Weg zu machen, das Kind von Bethlehem anzubeten. Dann kommst du an. Dann kommst du nach Hause. Und denkt dran: Wenn Weihnachten es in den Dschungel deines Lebens schafft, dann kannst du heimkommen. Wenn Gott nicht im Himmel bleibt, sondern die Erde besucht, dann steht dein Leben unter einem anderen Stern.

Dann ist es Zeit für zu Hause. Dann ist es Zeit für Anbetung. Dann ist Weihnachten.

Amen.

(c) Raphael Vach

Freie evangelische Gemeinde Biebertal-Frankenbach

Erdaer Straße 14-16

35444 Biebertal

www.feg-frankenbach.de

06446-329

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