Vergeben – alternativlos!?

Kann man vergeben?

Jesus hat dazu eingeladen und aufgefordert, anderen zu vergeben. Siebzig mal sieben mal, hat er einmal geantwortet auf die Frage „Wie oft?“ (Matthäus 18,22). Da vergisst man irgendwann zu zählen. Und genau so soll es sein: Schuld wird dann nicht mehr aufgerechnet.

Doch noch einmal: Kann man vergeben?

Vergeben kann jedenfalls nicht heißen, Gerechtigkeit aufzugeben, Ungerechtigkeit zu tolerieren, Schuld nicht beim Namen zu nennen. Das hat auch Jesus nicht getan. Da ist die Botschaft der Bibel eine andere: Vergeben heißt erst einmal das Richten einem anderen zu überlassen, einem der unbefangen den Blick von außen auf das Geschehen hat. Paulus kann mit der Torah Gott zitieren: „Die Rache ist mein“ (5. Mose 32,35). Der Gott der Bibel ist parteiisch in dem Sinne, dass er nicht über die Schreie der Opfer hinweggeht, dass er denen, die man mundtot gemacht hat, wieder eine Stimme gibt. Gott wird heute oder eines Tages alles zu Recht bringen. Vergeben heißt nicht, Gerechtigkeit aufzugeben.

Und so muss der Platz von Christen auch immer an der Seite derer sein, die für Gerechtigkeit in der Arbeitswelt und anderorts kämpfen. Menschenrechte, Armutsbekämpfung, Bewahrung der Schöpfung bleiben Themen für Christen so lange sie Christen sind. Vergeben heißt nicht „Schwamm drüber“ über die Ungerechtigkeiten dieser Erde. Vergeben kann jeder, der weiß, dass Gott Gerechtigkeit bringen wird.

Und doch gehen wir häufig in Beziehungen anders mit Schuld um. Vergeben ist so schwer… Ich will zeigen, dass die Alternativen noch schwerer sind, jedenfalls keine Lösung. Was hätte man da für Möglichkeiten?

Man könnte die Schuld, die einem widerfahren ist, einfach ignorieren. Man könnte so tun, als wäre gar nichts gewesen. Die Verlockung ist da, so vielleicht um eine Auseinandersetzung herum zu kommen. Ignorieren. Möglichkeit 1. Doch so nimmt man natürlich Schuld nicht ernst. Du nimmst dich und deine Verletzung selbst nicht ernst. Du nimmst letztlich nicht einmal die Beziehung ernst. Sie ist gestört. Du weißt es. Sie bleibt gestört. Keine gute Lösung.

Eine andere Möglichkeit. Möglichkeit 2: Vergelten. Wie sagen wir: Ich zahle es dir heim. Der andere soll das schmerzhaft erfahren, was ich durch ihn erfahren habe. Im Vergleich zum Ignorieren nimmt man sich selbst und die Schuld des anderen wirklich wahr. Man macht sich nichts vor. Man unterdrückt nichts. Man nimmt die Situation wirklich ernst. Auch wird man aktiv, bleibt nicht passiv, bleibt nicht nur Opfer. Man frisst nichts in sich hinein. Und wer immer sich schon einmal auf dem Pausenhof gewehrt hat, weiß: Es führt erst einmal zur emotionalen Entlastung. Aber… Die Beziehung ist danach natürlich erst Recht kaputt. Der Krieg ist ausgebrochen. Es sind weitere Wunden geschlagen worden. Man hat zwar die Schuld sehr ernst genommen, die Beziehung leider letztlich so gar nicht. Wer immer Frieden will, für den ist Vergeltung keine Lösung.

Eine verbreitete Möglichkeit ist auch die Dritte: das Nachtragen. Wer sie wählt, nimmt die Verfehlung gegen die Beziehung sehr ernst und erinnert daran pausenlos. Der andere bekommt ständig signalisiert, dass die Beziehung dauerhaft gestört ist und er tun und lassen kann, was er will, sie bleibt es auch. Hier wird die Beziehungsstörung eingefroren, konserviert, zugleich als ständige Anklage präsentiert. Zum Einen ist das sehr anstrengend für den der nachträgt, zum Anderen kann keine Beziehung dadurch gedeihen.

Vergebung ist die einzig konstruktive Möglichkeit. Sie ist von der Liebe bestimmt. Liebe nimmt das Vergehen, die Schuld, die Beziehungsstörung durchaus ernst, aber sie sieht auch den Mensch, der nicht 1:1 mit seiner Tat gleichzusetzen ist. Sie kann unterscheiden. Die Liebe entscheidet sich vor allem dafür, die Beziehung zu dem Menschen wichtiger zu nehmen als seine Schuld in der Beziehung. Liebe überwindet quasi die Schuld, indem sie sie zuerst aufdeckt und dann „zudeckt“ (1 Petrus 4,8), nicht anrechnet und vergibt.

Damit ist ein Vergehen nicht ungeschehen gemacht, auch nicht vergessen, auch wenn sich letztes einstellen kann. Vergebung ist erst einmal vernünftiger Entschluss, der destruktives Verhalten vermeidet und Versöhnung und Beziehung eine Zukunft gibt. Die Gefühle sind häufig dann die letzten Wagen am Zug. Sie verändern sich als letztes ins Positive. Vergeben heißt eben noch nicht dem anderen zu vertrauen. Aber es eröffnet einen Raum, in dem neue Erfahrungen gemacht werden können, in dem Vertrauen neu wachsen kann.

Von Vergebung lebe ich genauso wie meine Beziehung und die Welt. Wenn ich Opfer eines Vergehens geworden bin, holt sie mich aus der Passivrolle raus. Ich werde Täter der Liebe, benenne das Vergehen und gebe der Beziehung zugleich höheren Wert und Zukunft. Davon lebt jede Freund- oder Partnerschaft. Davon leben die Beziehungen von Völkern. Davon lebt letztlich auch unsere Beziehung zu Gott.

Gott vergibt uns. Er rechnet uns unsere Schuld nicht an. Wie weit diese Vergebung reicht, zeigt sein Tod in Jesus am Kreuz. Er lässt sich lieber kreuzigen, erträgt unsere Schuld, als dass er uns die Beziehung kündigt. Er ignoriert unsere Schuld nicht. Er nimmt uns ernst. Er vergilt nicht und er trägt nicht nach. Er trägt unsere Schuld und vergibt sie am Kreuz in Wort und Tat: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“, sagt er. Gott zahlt am Kreuz den Preis dafür, dass unsere Beziehung mit ihm in Ordnung kommen kann.

Am Kreuz können wir sehen, dass seine Liebe bedingungslos ist, da sie alles vergibt. Sie eröffnet uns damit eine Tür, uns ohne Zögern auf ihn einzulassen. Sie eröffnet uns einen Raum, in dem wir Erfahrungen mit ihm machen können, Vertrauen, also Glauben, wachsen kann, wir plötzlich befreit von Angst und Schuld vor uns eine wunderbare Zukunft haben, die er schenkt.

Mit seiner Vergebung öffnet Gott uns allen die Tür. Mit Vergebung sollen wir auch untereinander uns die Tür für eine gemeinsame Zukunft weiter öffnen. Nur Vergebung schenkt Zukunft. Sie ist alternativlos.  Jesus lädt uns dazu ein.

(c) Pastor Raphael Vach

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