Warum läßt Gott das zu? Teil 4

Der Weg gehört zum Ziel oder das physische Übel

Warum lässt Gott das zu? Der vierte Teil unserer kleinen Serie stellt sich nun endlich der Frage nach Covid19. Warum gibt es Leid in dieser Welt, das vom Menschen nicht verursacht ist? Klar, könnte man für die Entstehung des Coronavirus auch ethisch fragwürdige Eingriffe in die Welt der Wildtiere heranziehen, für dessen große Verbreitung auch auf unverantwortliches politisches Verhalten verweisen, aber eben nur „auch“. Es gibt schreckliches Leid, da hat der Mensch seine Hand nicht im Spiel. Jeder Tsunami, jeder Vulkanausbruch, verdeutlicht das sofort. Und wenn Seuchen zu allen Zeiten Menschen dahingerafft haben ohne Unterschied, häufig die Schwächsten zuerst, wenn der Krebs das Leben einer Mutter zerfrisst, dann steht die Frage im Raum: Warum um alles in der Welt muss das sein? 

Wozu ist physisches Übel wie Naturkatastrophen und Krankheit gut? Wozu nötig? Erstere Frage ist dabei noch leichter zu beantworten als zweite. „Hat dieser Virus irgendetwas Gutes?“, fragt mich die Tage eine Frau. Irgendetwas? Durchaus. Aber eben nur irgendetwas. Menschen zeigen ungeahnte Hilfsbereitschaft und Solidarität. Menschen überbieten sich an Kreativität, um die Krise zu meistern. Wissenschaft vermag Dinge in kürzester Zeit, dass man nur staunen kann. Die Krise fördert bei manchen Menschen das Beste zu Tage. Ja, manche wachsen mit der Krise. Aber eben nur manche. Doch zugleich werden Menschenleben zerstört, berufliche Existenzen vernichtet, Gesundheit für immer geschädigt. Ja, Leid, ja Krisen können Gutes befördern, Chancen sein, aber es tröstet kaum über den Schmerz, z.B. des Verlustes.

Ist physisches Übel aber nötig? Ist es denkbar in der Schöpfung eines Gottes der Macht und der Liebe? Denken kann man sich andere, fiktive Welten. Der Roman „Brave New World“ von A. Huxley ist so ein Versuch. Sie zeigt eine Welt, in der sichergestellt und überwacht wird, das Leid ausbleibt. Für Huxley ist es zu Recht eine schreckliche Welt. Es wäre keine menschliche Welt. In ihr gibt es keinen Raum für persönliche Entwicklung und menschliche Reifung. In ihr ist kein Platz für wirkliche Gefühle. Es ist nicht nur eine unmenschliche, weil viele Menschen gerade harte Zeiten als Zeiten höchster emotionaler Intensität erleben, im Rückblick häufig als die hilfreichsten Jahre ihrer Entwicklung und Charakterbildung, die sie nicht wissen wollen. Es ist sogar der Fall bei kleinen Herausforderungen, letztlich bei jeder Entwicklung. Immer geht es darum, einen weniger leidvollen Zustand zu erreichen. Häufig gar wird unser Glück dadurch groß, dass wir Schweres gemeistert haben, sei es eine Bergbesteigung, eine Klausur oder eine entbehrungsreiche Zeit. Häufig erleben wir Glück als Glück, weil es unberechenbar über uns kam. Das aber kann nur passieren, wenn auch das Gegenteil möglich ist: das Leid. Insofern ist Leid im weitesten Sinne der notwendige Preis personaler Entwicklung und auch großen Glücks.  

Doch ist dieser Preis kein hinreichender. Man mag zum Einstieg an den Sport denken. Was für den einen eine Hürde ist, die motiviert, lässt den anderen verkrampfen. An Leid kann man wachsen. Man wächst sicherlich auch nur mit seinen Aufgaben. Aber an Leid kann man auch verzweifeln und zerbrechen. Menschen können durch Schweres verhärten und abstumpfen.

Damit Letzteres nicht passiert, bedarf es Hoffnung, die durchhalten lässt, dem Schlimmsten Sinn abgewinnen kann und bei der das Leid und der Tod nicht das letzte Wort hat. Diese Hoffnung bietet der christliche Glaube. Diese bezeugt der Apostel Paulus, wenn er an die Römer schreibt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen“ Wozu etwas gedient hat, sieht man häufig erst im Rückblick. Und viele schöpfen aus solchen Rückblicken Hoffnung für die Zukunft, dass es wieder so sein könnte. Der christliche Glaube aber ist sich im Voraus einer heilvollen Zukunft gewiss, weil er einen Gott der Liebe und Macht kennt. Damit hat der Christ nicht nur Gewissheit über den Ausgang, Gottes neue Welt, sondern auch über die Sinnhaftigkeit im Hier und Jetzt und die daraus entstehende Kraft. Einer der großen Psychologen des vergangenen Jahrhunderts und KZ-Überlebende Victor Frankl hat dies mit seinem Leben nicht nur bezeugt, sondern die Kraft des Sinns, nicht zuletzt des Glaubens, in seinem Werk herausgearbeitet, während der herausragende atheistische Denker Albert Camue befürchtete, dass eine rein naturwissenschaftliche Sicht auf die Welt, die keinen letzten Sinn kennt, den Suizid zu einem der größten Probleme der Zukunft macht. Für eine rein naturwissenschaftliche Sicht auf die Welt ist somit auch die Frage nach dem Warum des Leides, so sehr sie auch persönlich drängend sein mag, Zeitverschwendung.

 Als Christen glauben wir, dass wir diese Hoffnung auf Zukunft, heute oder in Ewigkeit, dadurch haben, dass Gott in Jesus Christus bereit war aus Liebe, alles zu erleiden, was zu erleiden war und gegen ihn stand, um ein für allemal zu erweisen, dass nichts ihn von seiner Zuwendung zu den Menschen abbringen kann.

Das lehrt zum Einen: Liebe beinhaltet Leidensbereitschaft. Ja, man leidet nur, wenn man Dinge liebt. Liebe und Leiden das hängt zusammen. Christen sehen sich im Lieben  der Welt und im Leiden an ihr mit Gott verbunden. Leid kann niemals für sie gleichgültig werden. 

Zum anderen lässt die bedingungslose Liebe Gottes hoffen, dass selbst da, wo man aktuell keinen Sinn im Leid erkennt, diesen im Rückblick erkennen kann und dass in Zukunft das Leid überwunden wird. Diese Hoffnung aber vertieft wiederum die Beziehung zu Gott, stärkt die Freude an ihm  gerade im Leid und wird allein dadurch auch als sinnvoll erfahren.

Man kann fragen, warum Gott nicht sofort einen Zustand erschaffen hat, indem alles Leid überwunden ist, alle Tränen getrocknet, wie die biblische Hoffnung verheißt (z.B. in Offbarung 21,1-7)? Diese Frage würde als kritische Anfrage voll zum Tragen kommen, wenn diese zukünftige Welt nichts mit der ersten zu tun hätte. Doch die erste Welt ist der Weg zur finalen Welt Gottes. Ja, noch mehr. Dieser Weg gehört notwendig zum Ziel. Gott zielt nun einmal auf eine Liebesbeziehung zum Menschen. Liebe aber braucht Zeit. Liebe ist nur Liebe, wenn es mindestens möglich gewesen ist, ihn nicht zu lieben, die Freiheit zu haben, zu ihm nein zu sagen. Liebe setzt Vertrauen voraus. Dazu bedarf es aber mindestens einer Zeit, in der begründeter Zweifel möglich ist. Dazu bedarf es einer Welt, die dieses Liebe, dieses Vertrauen, diese Hoffnung hervorbringen kann. Dazu bedarf es einer Welt des Leides – als Weg.

Der Weg ist also nach christlicher Auffassung nicht das Ziel. Aber der Weg gehört zum Ziel. Auf diesem Weg erfährt der Christ eine unfassbare Liebe und eine geradezu atemberaubende Hoffnung, aber im Modus des Glaubens, notwendig mit dem Stachel des Schmerzes, der sie mit allen anderen Menschen mitleidend vereint. Aber eben mit einer Antwort auf den Schmerz. Um sie geht es in der letzten Folge. 

Wer nicht warten kann, kann sich telefonisch bei mir melden (06446-329). Die ganze Reihe am Stück kann man unter www.feg-frankenbach.de lesen.

(c) Raphael Vach

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.