Zwischenruf: black lives matter

Schwarze Leben zählen. Es muss immer noch gesagt werden. Bis es Fälle wie den von George Floyd nicht mehr gibt. Er war keine Ausnahme. Es ist gut, dass das nun klar gesagt wird. Es wäre besser, wenn es noch viel mehr Menschen anderer Hautfarbe sagen. Es muss gesagt werden. Es reicht nicht zu denken: „Jeder Vernünftige muss das doch einsehen…“ Mit Vernunft hat es nichts zu tun. Ob das Leben eines anderen zählt, entscheidet sich an der Messlatte, die wir an ihn anlegen. Ob das Leben eines anderen zählt, entscheidet sich an unserem Glauben. Die naturwissenschaftliche Perspektive auf das Leben kennt keinen „Wert“. „Wert“ ist keine Kategorie dieser Wissenschaft.

Und so konnte der Philosoph Aristoteles selbstverständlich glauben, dass manche Menschen als Sklaven geboren würden und nicht dazu gemacht werden. So war es für unsere germanischen Vorfahren selbstverständlich, dass Frauen und Kinder einen geringeren Wert hatten. So waren große Aufklärer der Neuzeit erklärte Vertreter des Rassismus und Verteidiger des Sklavenhandels. Eines Sklavenhandels, den die ganze Weltgeschichte kennt, zugegeben weiße Römer und spätere Kolonialisten zu einer gewissen Perfektion gebracht haben. Wir Deutschen haben dann noch unser eigenes beschämendes Kapitel über „unwertes Leben“. Auch die Corona-Krise brachte uns in die Gefahr, Leben zu gewichten. „Black lives matter“ ist ein Glaubenssatz. Und wenn man damit meint, dass diese Menschen soviel zählen wie alle anderen, die aus Eizelle und Sperma entstanden sind, dann lassen sich dafür auch vernünftige Gründe finden, jedenfalls für die Gleichheit.

Der Glaube, dass jedes Menschenleben zählt, ist ein alter Glaube, der aber erst spät viele Anhänger in der Geschichte findet. Er ist eine Sensation in der Geistesgeschichte der Menschheit und kommt an einem unscheinbaren Ort zur Welt – in Israel. Im Gegensatz zu den Großreichen um sich herum, glauben die Israeliten nicht, dass die Menschen als Sklaven der Götter erschaffen werden. Im Gegensatz zu den Weltreligionen der Umgebung glaubt dieser kleine Kult, dass alle Menschen Ebenbilder Gottes sind und uneingeschränkten Schutz ihrer Würde genießen, weil jeder Mensch von Mutterleibe an der Beziehung des lebendigen Gottes gewürdigt wird. Ja, der Glaube dieser Menschen geht eines Tages sogar so weit, dass Gott selbst in Jesus Christus Mensch geworden ist. Unfassbar.

Unfassbar auch, dass dieser Jesus von Nazareth durch eins berühmt würde – und freilich dafür auch angefeindet wurde. Bei ihm zählte jeder Mensch, ob Jude oder aus einem anderen Volk. Frauen nahm er sich an. Als einziger Religionsstifter wird von ihm berichtet, dass er Kinder in die Mitte seiner Gemeinschaft stellte. Bei ihm zählte jeder, ja sogar Freund wie Feind.

Das was überall auf der Welt nach demselben Muster funktioniert, dass man Identität durch Abgrenzung von anderen erreicht, wirkte bei ihm nicht. Seine Identität wurzelte in dem Gott, der seine Sonne scheinen lässt für Gute und Böse. „Herrschaftszeiten“ riefen die Menschen, als sie das hörten.

Und tatsächlich brachen diese Herrschaftszeiten in den kommenden Jahrhunderten immer dort an, wo Menschen daran glaubten und sich gemeinsam um einen Tisch sammelten. Bei Jesus hat jeder Mensch gezählt und er hat dafür gezahlt. Auch heute zahlen Menschen teilweise dafür einen hohen Preis, wenn sie daran glauben und sich dafür einsetzen. Christen wie der Baptistenpastor Martin Luther King oder Nelson Mandela sind nur bekannte Beispiele. Black lives matter, weil jedes Leben zählt, weil jeder bei Gott zählt.

Die Menschenwürde in unserem Grundgesetzt fußt auf einem Konsens der Bevölkerung, fußt auf Glaubenssätzen der Gründungsmütter und -väter unserer Republik. Er stammt nicht aus dem Reagenzglas. Er kommt daher, dass Menschen dafür eingetreten sind und fing damit an, dass Menschen daran glaubten, dass jedes Leben zählt. Er bleibt, wenn Menschen dies weiter glauben und laut sagen.

(c) Pastor Raphael Vach   

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